HOGWARTS VS. KÖNIGSMUND – MÜSSEN EIGENNAMEN IN ERFOLGREICHEN FANTASYROMANEN ÜBERSETZT WERDEN?

Personen- oder Ortsnamen in Fantasyromanen prägen die oftmals fiktiv geschaffenen Welten entscheidend mit. Autoren wie Tolkien (Der Herr der Ringe) oder George R. R. Martin (Games of Thrones) erschufen Welten mit eigenen Sprachen (Westron, Gemeine Zunge) und lassen den Leser in ihren Geschichten in ein komplexes Universum eintauchen, das auf zahlreiche Chroniken und Annalen zurückgeht. Bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit und Berechtigung der Übersetzung von Eigennamen spielt diese Tatsache eine entscheidende Rolle.

Übersetzte Eigennamen dienen in den deutschen Fassungen nicht nur der Verständlichkeit der ursprünglich angedachten Bedeutung, sondern unterstützen oftmals die Tatsache, dass in den Fantasywelten eben auch eine andere Sprache gesprochen wird, als die englische Sprache, in der die oben genannten Werke verfasst wurden. Wir deutschen Leser würden mit The Shire beispielsweise niemals die ländliche Idylle verbinden, die die Übertragung Auenland in uns auslöst. Anders verhält es sich mit Eigennamen aus Werken, die aus einem anglophonen Sprachraum kommen: Harry Potter spielt größtenteils in England. Der Name des Protagonisten wirkt somit völlig natürlich. Eine künstliche Verdeutschung wie Harald Töpfer würde bei uns bestenfalls ein Kopfschütteln auslösen.

Es kommt demnach sehr auf das Feingefühl des jeweiligen Literaturübersetzers an, der nicht selten die Rolle eines Sekundärautors übernimmt. Er interpretiert Eigennamen für sich und entscheidet über deren Beibehaltung oder Übertragung. Er kann dabei Namen möglichst lautgetreu umschriften, Ersetzungen durch andere Namen oder Umschreibungen vornehmen oder parallele Namensformen auswählen (z.B. Hermine als deutsche Übertragung des englischen Originals Hermione in Harry Potter). Ihm kommt damit eine Aufgabe zuteil, die entscheidend zum Erfolg oder Misserfolg eines Werkes im deutschen Sprachraum beitragen kann. Schafft es die Übersetzung, die Exotik und Einzigartigkeit der fiktiven Welt wiederzugeben oder nicht? Schaffen es seine Übertragungen, die zumeist mit Bedacht gewählten Anspielungen der Namen auf die Persönlichkeiten der Charaktere beizubehalten?

Im oben genannten Beispiel der viel gelobten deutschen Übersetzungen der Tolkien-Welt von Margaret Carroux ist dies sicherlich der Fall. Trotzdem gibt es viele kritische Stimmen, wenn es um die Übersetzungen von Eigennamen geht, besonders wenn diese erst konsequent in einer Neuauflage erfolgen, wie beispielsweise in der Romanvorlage von Game of Thrones. In der ersten Übersetzung aus dem Jahr 1997 hatte der Übersetzer Jörg Ingwersen nämlich nur einige Eigennamen von Personen und Orten übersetzt und andere unübersetzt gelassen. Er brach damit mit einer wichtigen Regel des Fantasygenres, nach der die Sprache und Namen einer Fantasiewelt, in der der Roman spielt, in die Erzählsprache übersetzt werden müssen, wenn der Autor diesen eine bestimmte Bedeutung zumisst. Aus diesem Grund kam im Jahr 2010 eine Neuauflage mit „eingedeutschten“ Namen auf den Markt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Leser allerdings bereits an Jon Snow und King’s Landing gewöhnt. Entsprechend ablehnend waren die ersten Reaktionen auf Jon Schnee und Königsmund.

Dass heutzutage viele Eigennamen aus dem Englischen unübersetzt bleiben oder wir vehement gegen eine Übersetzung sind, mag vor allem daran liegen, dass die englische Sprache so sehr in unseren alltäglichen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat und vor allem beim jüngeren Publikum immer beliebter wird, sodass die anglophonen Namen als besonders kultig, hipp oder herrlich exotisch wahrgenommen werden. Für Verlage ist es zudem kein Geheimnis, dass die überwiegende Leserschaft der fantastischen Literatur unter dreißig und daher vermeidlich vertraut mit dem Klang englischer Namen ist.

Ich würde der Übersetzung von Eigennamen in komplexen Fantasyromanen dennoch eine entscheidende Rolle zuweisen, die meiner Meinung nach auch nicht wegfallen darf. Eine gute Übertragung der Eigennamen prägt ein Werk in der Fremdsprache. Die Lesbarkeit und Verständlichkeit werden erhöht und der Leser kann Bedeutungsbilder aufgrund der Vertrautheit in seiner Muttersprache besser visualisieren und so im besten Fall voll und ganz in die fremde Welt eintauchen. Es lohnt sich also, den Übersetzungen unserer Lieblingsgeschichten eine Chance zu geben und vor einer grundsätzlichen Ablehnung oder harschen Kritik einmal darüber nachzudenken, welche Mühe und kreative Leistung des Sprachmittlers dahintersteckt.

 

Autor: Tanja Fischer (Geschäftsführerin Multilingua International)